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Initiative "Kirche für Demokratie - gegen Rechtsextremismus"Selbstverständnis
Die Initiative ist ein offener Zusammenschluss von Initiativen, Organisationen, Arbeitsgruppen und Einzelpersonen im Raum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers. Sie will mit ihrer Arbeit rechtsextreme und menschenfeindliche Haltungen innerhalb und außerhalb der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers benennen und ihnen konstruktiv entgegen treten. Dabei geht es nicht immer um geschlossene rechtsextreme Weltbilder, sondern auch um einzelne oder verbundene Segmente „Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“.
Christen und Christinnen bekennen sich zu der einen Schöpfung und zu dem einen Gott Israels, dem Vater Jesu Christi, dessen erste Jünger und Jüngerinnen jüdischen Glaubens waren. Die mit dem Judentum und dem Islam verbindende Geschöpflichkeit des Menschen, die Befreiungsgeschichte des Volkes Israel und das davon abgeleitete Gebot, sich selbst als Gast auf dieser Erde zu fühlen und deshalb eben auch die vermeintlich oder tatsächlich „Fremden“ mit gleichen Rechten und gastfreundlich aufzunehmen, verbieten jede Form von ideologisch konstruierter Ungleichheit von Menschen oder Menschengruppen. Die Kirche versteht sich als „Volk Gottes aus allen Völkern“. Darum hat sie einen inklusiven, offenen Charakter ohne Ansehen von Person, Herkunft, Geschlecht, Sprache, Religion und Kultur.
Die Notwendigkeit einer klaren christlichen Positionierung wird im Beschluss der 2. Tagung der 11. Synode der EKD in Ulm vom 29. Oktober 2009 deutlich: „Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland ist beunruhigt, dass rechtsextremes Gedankengut, das sich vermehrt in brutalen Gewalttaten äußert, in ganz Deutschland vorzufinden ist… Wir beklagen sowohl rechtsextreme Einstellungen bei Gliedern unserer Kirchengemeinden als auch zunehmende antichristliche Ressentiments und Vorfälle von Seiten Rechtsextremer. Die Demokratie ist nach christlicher Überzeugung die beste aller Gesellschaftsformen…. Die Synode der EKD bittet die Ämter der Gliedkirchen, dafür Sorge zu tragen, dass das Thema Rechtsextremismus in den Aus-, Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen der Gliedkirchen Beachtung und Raum findet… Die Synode hält eine Vertiefung der theologischen Grundlagen in der Auseinandersetzung mit rassistischen, antisemitischen und menschenfeindlichen Überzeugungen und eine Prüfung der kirchenrechtlichen Konsequenzen (u.a. im Blick auf Mitgliedschaftsfragen) für dringend erforderlich.“
Wir sind der Überzeugung, dass die Ideologie des Rechtsextremismus dem christlichen Glauben zutiefst wiederspricht. Doch wir haben aus der Geschichte, speziell der deutschen Vergangenheit schmerzhaft erfahren, dass Christen und Christinnen von rassistischen und antisemitischen Ideologien verführbar sind und Träger dieser Ideologien werden können. Die Geschichte des kirchlichen Antisemitismus ist dabei eine der besonderen Schuldverstrickungen. Heute begegnen uns diese Herausforderungen auch in Form „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“.
Das macht uns sensibel für das Fehlverhalten der eigenen Mitglieder. Wir meinen, dass innerhalb der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers die Aussagen der biblischen Botschaft zur Thematik und ein selbstkritisches historisches Bewusstsein noch stärker an Bedeutung gewinnen müssen. Daraus folgen für uns Verpflichtung und Arbeitsauftrag in Bezug auf unsere Kirchengemeinden und unsere Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Bündnissen, die sich der Thematik annehmen.
Aufgaben und Ziele
- Die Initiative will mit ihrer Arbeit rechtsextreme und menschenfeindliche Haltungen innerhalb und außerhalb der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers benennen und ihnen konstruktiv entgegen treten. Sie stellt sich daher einer immer nochvorhandenen Bagatellisierung entgegen. Dies bedeutet auch eine Vertiefung der theologischen Grundlagendiskussion in der Auseinandersetzung mit rassistischen, antisemitischen und menschenfeindlichen Überzeugungen und eine beratende Funktion bzgl. Empfehlungen kirchenrechtlicher Konsequenzen (u.a. im Blick auf Mitgliedschaftsfragen).
- Die Initiative will zur Verbesserung und gemeinsame Entwicklung von Maßnahmen, Aktivitäten, Arbeitsformen zur Auseinandersetzung mit rechtsextremen Einstellungen im Raum der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers beitragen. Sie will sich mit Fragen der Ursachen, der Aufklärung und der Prävention beschäftigen und positive Beispiele toleranten Miteinanders veröffentlichen und fördern. Sie weiß um die begrenzten Ressourcen einzelner Personen oder Initiativen in Gemeinden. Daher setzt sie auf gegenseitigen Austausch und Information zur Stärkung der kirchlichen Vernetzung durch den Auf- und Ausbau eines Email-Verteilers von Unterstützer/innen.
- Die Initiative will in die gesellschaftliche sowie innerkirchliche Debatte praktische Erfahrungen und fachliche Kompetenzen in den folgenden Bereichen einbringen:
- Themarelevante und basisnahe Verkündigung in kirchlicher Erwachsenen- und Jugendarbeit
- Beratung und Begleitung von Opfern und potentiellen Opfergruppen rechtsextremer Gewalt,
- politische Bildung im Kontext Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus,
- Beratung und Begleitung partizipativer Planungsprozesse zur Thematik in kirchlichen und säkularen Gemeinwesen,
- institutionalisierte Bildungsarbeit
- Die Initiative will bestehende Arbeitsmaterialien sichten, Bedarfsanzeigen an Arbeitsmaterialien und Multiplikator/innen-Workshops erheben und Kontakte zu Referent/innen bereitstellen. Dazu sucht sie den engen Kontakt besonders mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirchen für Demokratie gegen Rechtsextremismus (BAGKR) sowie zur Clearingstelle Rechtsextremismus des Landespräventionsrats Niedersachsen.
Struktur und Arbeitsweise
- Die kollegiale Begegnung von Personen und Beratung der Projekte in der Initiative ist Grundlage ihrer Arbeit. Aus diesem Grund ist die Initiative demokratisch verfasst und wählt aus ihrem Kreis eine Gruppe von Sprecher/innen. Dabei sollte möglichst auf eine regionale Ausgewogenheit und Gendergerechtigkeit geachtet werden.
- Die Gruppe der Sprecher/innen wird durch das verantwortliche Referat im LKA der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers bestätigt. Der zuständige Referent ist über die Aktivitäten des Sprecher/innen-Rats informiert und kann jederzeit an den Sitzungen teilnehmen.
- Fachlich angebunden ist die Initiative im Fachbereich „Kirche im Dialog“ in den Arbeitsfeldern Friedensarbeit und Weltanschauungsfragen im Haus kirchlicher Dienste. Beide Beauftragte sind qua Amt Mitglied der Sprecher/innen-Gruppe.
- Publizierung von Konzeptionen und politischen Stellungnahmen sind von der Sprecher/innen-Gruppe zu erarbeiten und mit der Landeskirche abzustimmen.
- Zur Erledigung besonderer Aufgaben kann die Initiativespezielle Arbeitskreise einrichten, die mit der selbstverantwortlichen Umsetzung und Bearbeitung von Aufgaben und Themen beauftragt sind.Die interne und öffentliche Kommunikation der Initiativeerfolgt über eine eigene Internetpräsenz, deren Inhalte die SprecherInnengrupe oder ein von ihr bestellter Arbeitskreis bestimmt.
Beschlossen durch die Vollversammlung der IKDR am 10. Februar 2012 in Hannover www.ikdr-hannover.de |
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| Nächstenliebe verlangt Klarheit"Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das ist vermutlich der bekannteste Satz des Grundgesetzes. Dieser Satz steht im guten Einklang mit dem biblischen Menschenbild. Deshalb betonen wir auch immer und immer wieder, dass jeder Mensch ein Original Gottes ist und seinem Ebenbild entspricht. Jeder Mensch ist von Gott gewollt, ohne Unterschied. Deshalb darf die Menschenwürde auch nie auf eine Gruppe von Menschen beschränkt werden. Alle Menschen sind von Gott geschaffen und deshalb auch gleich viel wert.
Rechtsextremisten betonen genau das Gegenteil. Sie betonen nicht die Gleichheit der Menschen, sondern ihre Ungleichheit. Ausgangspunkt ihrer Überzeugung ist die Rassenideologie der Nazis. Schon sie gingen von der Ungleichheit der Menschen aus. Aufgrund unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Erziehung sind Menschen in ihren Augen eben nicht gleich viel wert. Wir Christen widersprechen aber dieser Ideologie. Sie steht in krassem Gegensatz zu unserem Grundsatz, dass Gott der Schöpfer aller Menschen ist, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder kulturellem Hintergrund.
In der jüdischen Thora, also in unseren fünf Büchern Mose, steht: "Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf sie als Mann und Frau." Deshalb widersetzen wir uns auch jeder Ideologie, die sich nicht für die Gleichstellung, Gleichbehandlung und Gleichberechtigung aller Menschen einsetzt.
"Nächstenliebe verlangt Klarheit!" Unter diesem Motto wendet sich die Evangelische Kirche gegen den Rechtsextremismus. Ich bin froh, dass die Kirche so deutlich und klar Stellung bezieht gegen den Rechtsextremismus. Nächstenliebe verlangt Klarheit. Sie verlangt, dass wir klar hinsehen, klar reden und klar handeln. Wir können uns nicht vornehm heraushalten, wo wir rechtsextreme Meinungen hören. Wir müssen Stellung beziehen. Wenn Menschen angegriffen werden, Ausländer diffamiert oder verfolgt werden, dann müssen wir reagieren. Wir müssen helfend eingreifen.
"Die Würde des Menschen ist unantastbar." Sie zu achten und zu schützen ist nicht allein die Aufgabe des Staates. Sie ist auch unsere Aufgabe. Deshalb können wir weder Ausländerfeindlichkeit tolerieren noch die Meinung, dass nur das Starke gut sei. Deshalb widerspricht Rechtsextremismus auch fundamental unseren christlichen Grundüberzeugungen und Maßstäben. Wir müssen sogar deutlich sagen: Rechtsextremismus und christlicher Glaube sind unvereinbar.
Wilfried Manneke, Pastor in Unterlüß |
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Mahnwache GerhusAnsprache von Pastor Wilfried Manneke auf der Demo gegen die Besetzung des Landhotels "Gerhus" durch Neonazis.
Liebe Freunde und Mitstreiter!
Wir stellen uns einer Bewegung in den Weg, die keinen Hehl aus ihrer Begeisterung für den Nationalsozialismus macht. Deshalb wollen wir den heutigen Nazis weder in unserer Region noch sonst wo Raum lassen.
Die Nazis haben über sechs Millionen Menschen in Konzentrationslagern ermordet. Sie haben Europa und die Welt mit einem Krieg überzogen, der Millionen Menschen das Leben kostete – auf den Schlachtfeldern in Luftschutzbunker oder in den Gefängnissen der Gestapo. Unser Land trägt noch heute die Narben der Nazi-Diktatur und ihrer unbeschreiblichen Verbrechen. Es gibt kaum eine Familie hier in Unterlüß, Eschede, Fassberg oder sonst wo in Deutschland, die keine Opfer aus dieser Zeit zu beklagen hat.
Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 waren die ersten Häftlinge der neu eingerichteten Konzentrationslager Gewerkschaftsmitglieder, Kommunisten und Sozialdemokraten. Sie wurden durch Inhaftierung, Misshandlung oder Einschüchterung von jedem Widerstand abgehalten. Obwohl die heutigen Nazis diese Geschichte kennen, verherrlichen sie den Nationalsozialismus. Wie damals pflegen sie den Aufbau von Schlägertrupps, die sie Kameradschaften nennen. Sie ziehen grölend durch unsere Städte. Sie verprügeln Menschen, die sie als Ausländer betrachten. Sie haben Menschen aus fahrenden Zügen geworfen und Obdachlose umgebracht. Seit der Wiedervereinigung 1990 wurden in Deutschland mindestens 143 Menschen von Rechtsextremen umgebracht. Die Opfer waren hauptsächlich Migranten, Obdachlose und Linke. Sie wurden von Schlägern der extremen Rechten zu Tode geprügelt, erschlagen oder verbrannt. Im benachbarten Eschede wurde Peter Deutschmann vor elf Jahren von zwei Neonazis erschlagen.
In Niedersachsen suchen die Neo-Nazis schon seit langem nach einem passenden Gebäude, das sie als Schulungszentrum nutzen können. Sie wollen dort ihre Ideologie an Menschen weitergeben, die dafür empfänglich sind. So sammeln sie die Entmutigten und Perspektivlosen. Sie versprechen ihnen Arbeitsplätze und eine schützende Gemeinschaft. Und sie haben damit Erfolg, besonders dort, wo Jugendliche um ihren Arbeitsplatz bangen oder für Hungerlöhne schuften müssen. Ihnen versprechen die heutigen Nazis einfache Lösungen, z. B. indem sie fordern: „Ausländer raus!" Diese Forderung ist aber keine Lösung für die wirklichen Probleme unseres Landes. Diese Forderung ist nichts anderes als eine menschenverachtende Kampfansage. Deshalb müssen wir ihre Angriffe abwehren – in den Parlamenten, auf den Straßen, in den Schulen, Betrieben und Kasernen. Die Rechtsextremen gewinnen, wenn wir ihnen tatenlos zusehen. Sie gewinnen, wenn wir uns nur empört abwenden, statt ihnen entgegenzutreten.
Nehmen auch Sie an den Protesten gegen Rechtsextremismus teil. Helfen Sie mit, Mitbürger darüber aufzuklären, welch eine politische und auch existenzielle Gefahr für uns vom Rechtsextremismus ausgeht. Und vergessen Sie nicht: Im benachbarten Hetendorf hat der Protest bewirkt, dass Riegers Neo-Nazi-Zentrum letztlich doch geschlossen werden musste. Lassen Sie uns also erneut die rote Karte ziehen gegen Extremismus, Antisemitismus und Rassismus.
Ich nehme an Protesten gegen Rechts teil, weil Rechtsextremismus wesentlich aus zwei Elementen besteht: Rassismus und Gewalt. Beides gilt es zu verhindern. Beides widerspricht unserem christlichen Verständnis vom Umgang miteinander. Beides widerspricht auch unserem Grundsatz, dass Gott der Schöpfer aller Menschen ist, unabhängig von Hautfarbe, Religion oder kulturellem Hintergrund.
Ich schließe mit Worten von Pastor Martin Niemöller. Er war Theologe und ein führender Vertreter der Bekennenden Kirche. Wegen seines Widerstandes gegen den Nationalsozialismus haben die Nazis ihn 1937 verhaftet und ins Konzentrationslager Sachsenhausen gesteckt. Dort wurde er bis Kriegsende 1945 festgehalten. Nach seiner Befreiung schrieb er:
"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Kommunist. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie die Sozialisten einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Sozialist. Als sie die Juden einsperrten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Jude. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." (Martin Niemöller)
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Besetztes Hotel in FaßbergAus Faßberg berichtet Ole Reißmann (Spiegel-online 31.7.2009)
Bürger machen Front gegen Neonazi-Nachbarn
Am Wochenende könnte die Situation eskalieren: Anwohner im niedersächsischen Faßberg wollen nicht länger hinnehmen, dass Rechtsradikale ein Hotel in ihrem Dorf besetzt haben. Täglich ziehen die Bürger vor das Landhaus Gerhus - und stellen sich den gewaltbereiten Neonazis gegenüber. Reichsflaggen wehen vor dem ehemaligen Landhotel Gerhus, kahlgeschorene Männer führen einen großen Hund um das Gebäude, breitbeinig stehen zwei Bewacher an der Grundstücksgrenze. "Horst Wessel" steht auf dem T-Shirt von einem, der Name des früheren Sturmführers der SA, der den Text zur offiziellen NSDAP-Parteihymne schrieb. Sein Kamerad fotografiert mit seiner kleinen Digitalkamera die Demonstranten auf der anderen Straßenseite. Dort stehen rund 60 Menschen und protestieren gegen die Neonazis in ihrem Dorf. Seit Sonntag kommen sie jeden Tag hierher, halten über Mittag eine Stunde Mahnwache, zeigen Transparente und Schilder, "Bunt statt braun", "Nazis raus". Vor zwei Wochen hat eine Gruppe Rechtsextremer im Auftrag von NPD-Vizechef Jürgen Rieger das alte Hotel in Beschlag genommen. Rieger beruft sich auf einen Pachtvertrag, den wiederum der Zwangsverwalter der Immobilie für ungültig hält und deswegen die Neonazis angezeigt hat. Die Polizei forderte er auf, das Gebäude zu räumen. Am Dienstag will das Landgericht in Lüneburg über den Eilantrag entscheiden. Den einen der Bewacher, der den Demonstranten gegenübersteht, hellbraune Jacke mit Tarnmuster, kurze Hose, Sonnenbrille, den kennen sie. Es ist einer aus dem Dorf, sie nennen seinen Vornamen. Den mit "Horst Wessel"-T-Shirt und den tätowierten Armen kennen Polizei und Verfassungsschutz, es ist Dennis Bührig, Anführer der rechtsradikalen "Kameradschaft 73 Celle", die seit Jahren aktiv und über die Region hinaus von Bedeutung ist. Nazis auf Streife, Polizei im Dauereinsatz "Es ist unerträglich, dass so etwas geduldet wird", sagt Carl Kuhlmann, kräftige Schuhe, kurzes Hemd, und kneift die Augen zusammen. Er hat einen Heidschnucken-Hof ganz in der Nähe, ist Vorsteher des Ortsteils Niederohe. Der touristische Radwanderweg, auf dem er protestiert, führt direkt zu seinem Hof. "Aber wir stehen hier nicht nur, weil es um unsere Region geht", sagt er. Trotz Mittags- und Ferienzeit kommen täglich mehr, auch ein paar Jugendliche sind dabei, "ganz normale Anwohner", sagt Anna Jander. Sie hilft, den Protest gegen ihre neuen Nachbarn zu organisieren. "Tut was Gutes, bleibt stehen", wird zwei vorbeifahrenden Radfahrern zugerufen. "Verheerend", findet auch Kirsten Lühmann, SPD-Kandidatin im Wahlkreis, die Situation. Ganz in der Nähe werden französische und spanische Soldaten in einer Kaserne ausgebildet. "Wenn die hier einen Spaziergang machen und das sehen, ist es oberpeinlich für uns." Ein Schullandheim liegt gleich gegenüber. Die Polizistin ist privat hier, ihr Ehemann, ebenfalls Polizist, ist im Einsatz. Mehr als ein Dutzend Beamte haben sich postiert, passen auf, dass sich die Anwohner und Zugezogenen nicht zu nahe kommen. Sie sind jetzt rund um die Uhr hier. Bei Razzien in der rechten Celler Szene hat die Polizei in der Vergangenheit Schusswaffen gefunden. Man könne nicht ausschließen, dass die Besetzer bewaffnet seien, sagt der Einsatzleiter. So sollen bei einem nächtlichen Aufeinandertreffen von Mitgliedern der linken Szene und den Hausbesetzern schon Schüsse gefallen sein. Zweifel an Riegers Pachtvertrag Vor dem Hotel haben die Neonazis Transparente angebracht, "Wir sind gekommen, um zu bleiben" und "Die Presse lügt!" steht dort. Sie fühlen sich nicht als Hausbesetzer, sondern im Recht, treten entsprechend auf und zeigen sich von den Protesten unbeeindruckt. "Selbstverständlich laufen wir Patrouille", sagt Dennis Bührig, der im Namen von Jürgen Rieger das Hausrecht ausübt. Von Schüssen will der "Kameradschaftsführer" aber nichts wissen. Wie viele Bewacher sich in dem Haus aufhalten, will er nicht genau sagen, 20 bis 50 könnten es sein, meint er. Die Polizei geht von zehn bis zwölf aus, es seien aber nicht immer alle vor Ort. Als sich die Demonstration um 13 Uhr auflöst, fährt ein olivfarbener Bus der Neonazis mit Ratzeburger Kennzeichen von dem Gelände weg, an Bord sind auch Kleinkinder. Sollte das Landgericht am Dienstagmorgen der Rechtsauffassung des Zwangsverwalters und seinem Eilantrag folgen und eine Räumung des Hotels anordnen, wollen die Neonazis passiven Widerstand leisten. Die Polizei müsste sie dann aus dem Haus tragen. Dass es zur Räumung kommen wird, hoffen Demonstranten genau so wie Zwangsverwalter Jens Wilhelm. Der Hannoveraner Anwalt hält den Pachtvertrag für ungültig, weil er am Tag unterschrieben wurde, bevor ihn das Amtsgericht Celle mit der Verwaltung der Immobilie beauftragte. Er habe sogleich die Schlösser ausgetauscht, sechs Wochen lang sei daraufhin nichts passiert. Erst dann bekam er von Rieger ein zweiseitiges Fax geschickt, "Ich habe ihre Schlösser herausgebohrt", heißt es darin. Eigentümer wollen höheren Kaufpreis Damit habe Rieger aber zu lange gewartet. "Ich als Zwangsverwalter habe das Gebäude in ungenutztem Zustand übernommen, allein das zählt", sagt Wilhelm. Außerdem sei der Vertrag sittenwidrig, der festgeschriebene Mietzins mit 600 Euro im Monat viel zu gering. Anfang nächsten Jahres könnte es zu einer Zwangsversteigerung kommen, wenn die Eigentümerin bis dahin nicht verkauft hat. Die Gemeinde hat einen Investor an der Hand, der aus dem Landhotel ein Pflegeheim machen will, 750.000 Euro bietet er. Der Eigentümerfamilie ist das zu wenig, Rieger hat ihnen mehr als eine Millionen Euro versprochen, weit mehr als der Marktwert. Immer wieder sorgt Rieger in Kommunen mit Plänen für ein Tagungs- und Schulungszentrum für seine rechtsradikalen Gesinnungsfreunde für Aufregung. Meist scheitern die Projekte, weil die Gemeinden sich mit dem Baurecht gegen die geplante Nutzung der Immobilien wehren. Oder weil der Holocaust-Leugner am Ende doch nicht den Zuschlag erhält. So kaufte in Delmenhorst eine Initiative ein von Rieger favorisiertes Haus lieber selbst - zu einem weit überhöhten Preis. Rieger muss sein Gesicht wahren Landrat und Bürgermeister haben aber schon erklärt, für Rieger nicht draufzahlen zu wollen. "Wie auch?", fragt Hans-Werner Schlitte, Bürgermeister von Faßberg. "Die Gemeinde hat einfach kein Geld." Dass Rieger wieder einmal den Preis für eine eher schwer verkäufliche Immobilie in die Höhe treiben will, ist aber nur eine Option. So hält es der niedersächsische Verfassungsschutz für möglich, dass Rieger es diesmal ernst meint. "Er gibt sich sicher zufrieden, den Kaufpreis nach oben zu treiben und davon zu profitieren", sagt der Präsident des Niedersächsischen Verfassungsschutzes, Günther Heiß. Rieger, der "fanatische Rassist", würde es aber sicherlich auch begrüßen, das Hotel längere Zeit in Beschlag zu nehmen und so in den Medien präsent zu sein. "Das ist schon ein Prestigeobjekt." Zwar sei es fraglich, ob Rieger das Hotel auch in den Wintermonaten angesichts hoher Heizkosten betreiben wolle, "aber ich halte das nicht für ausgeschlossen". Das Landhotel Gerhus ist von fünf Bundesländern aus gut zu erreichen und liegt etwas außerhalb von Faßberg. Die rechtsextreme Szene in der Region ist gut vernetzt, und im nicht weit entfernten Eschede existiert ein Hof, auf dem Rechtsextreme regelmäßig Sonnenwendfeiern veranstalten. Auf ihrer Website wünscht die Kameradschaft 73 Celle den "ewiggestrigen Gutmenschen" schon einmal einen "langen Atem". Die Demonstranten haben angekündigt, so lange ihre Mahnwachen durchzuhalten, bis die Rechtsradikalen wieder abgezogen sind. "Wir kennen deren Eltern" Doch auch wenn die Rechtsradikalen das Haus räumen sollten - ganz verschwinden werden sie nicht aus Faßberg und Umgebung. Der Polizei sind etliche der Hausbewacher bekannt, sie kommen aus der Region. "Wir kennen deren Eltern", sagt Wilfried Manneke, Pastor in Unterlüß. Das seien Chancen, man müsse das Gespräch suchen, mit den Eltern und mit den Neonazis, sagt er und schaut zu den Radikalen auf der anderen Straßenseite hinüber. Einige Jugendliche, die Manneke konfirmiert hat, traf er vergangenes Jahr bei solch einem Gespräch wieder. Sie waren in die rechte Szene abgerutscht und auf dem Weg, radikale Neonazis zu werden. Zusammen mit einem Jugendoffizier der Bundeswehr hat Manneke versucht, ihnen eine Perspektive aufzuzeigen. Dass nun Neonazis wieder ein Schulungszentrum hier aufziehen könnten, beunruhigt ihn. In den achtziger und neunziger Jahren trafen sich Rechtsradikale aus dem ganzen Bundesgebiet regelmäßig im benachbarten Hetendorf zu Tagungen im "Heideheim" von Jürgen Rieger. Die später verbotene Wiking-Jugend feierte hier ihre jährlichen "Tage volkstreuer Jugend". Nach langen Bürgerprotesten schloss das niedersächsische Innenministerium den Schulungsort 1998, zwei rechtsradikale Vereine wurden in dem Zusammenhang verboten, Rieger aus der Lüneburger Heide vertrieben.
Nazi-Veranstaltung am Wochenende
Die Situation in Faßberg könnte sich am Wochenende zuspitzen, wenn linke Demonstranten aus Hamburg oder Hannover anreisen. Hinzu kommt: In Bad Nenndorf, 80 Kilometer entfernt, wollen Rechtsextremisten am Samstag einen "Trauermarsch" abhalten. Dort betrieben die Briten nach dem Zweiten Weltkrieg im Wincklerbad ein Verhörlager. Seitdem ein BBC-Journalist aufgedeckt hat, dass Insassen zum Teil misshandelt wurden, versuchen die Rechtsextremen sich an einer "Verdrehung der Geschichte", wie es das Bündnis "Band Nenndorf ist bunt" ausdrückt.
Die schon damals umgehend geahndeten Vorfälle würden nun "heuchlerisch zu Propagandazwecken" missbraucht. Die Neonazis könnten nach ihrem "Gedenkmarsch", so die Befürchtung, ihrem neuen Domizil in Gerhus einen Besuch abstatten. Und dort auf die Gegendemonstranten treffen.
Spiegel-online (31.7.2009) |
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